Das Schmerzgesicht der Katze – So erkennst du Schmerzen frühzeitig deiner Katze
Vielleicht kommt dir das bekannt vor:
Du hast plötzlich dieses ungute Gefühl, dass irgendetwas mit deiner Katze nicht stimmt. Sie schläft auf einmal an einem anderen Platz, springt nicht mehr so selbstverständlich auf ihren Lieblingskratzbaum oder zieht sich zurück, obwohl sie sonst so gerne mit dir kuschelt.
Vielleicht frisst sie sogar noch ganz normal und schnurrt wie immer – und trotzdem sagt dir dein Bauchgefühl, dass etwas anders ist.
Dieses Gefühl solltest du ernst nehmen.
Katzen sind unglaublich tapfer
Sie zeigen Schmerzen oft erst sehr spät – nicht, weil wir unaufmerksam sind, sondern weil sie wahre Meister darin sind, Beschwerden zu verbergen.
Dieses Verhalten ist tief in ihrer Natur verankert. In freier Wildbahn bedeutete sichtbare Schwäche ein hohes Risiko. Ein verletztes oder krankes Tier wurde schneller zur Beute. Deshalb versuchen auch unsere Wohnungskatzen instinktiv, Schmerzen möglichst lange zu verbergen.
Gerade deshalb ist es so wichtig, die kleinen Veränderungen wahrzunehmen. Neben einem anderen Schlafplatz, weniger Aktivität, verändertem Kuschelverhalten oder einer ungewohnten Körperhaltung verrät häufig auch die Mimik deiner Katze, wie es ihr wirklich geht.
Denn das Gesicht deiner Katze kann dir etwas sagen, lange bevor Schmerzen offensichtlich werden.
Mit der Feline Grimace Scale gibt es sogar ein wissenschaftlich entwickeltes Hilfsmittel, das dir dabei helfen kann, diese feinen Veränderungen besser zu erkennen und Schmerzen frühzeitig einzuschätzen.
Was ist die Feline Grimace Scale?
Die Feline Grimace Scale (FGS) ist ein wissenschaftlich entwickeltes Bewertungssystem, mit dem sich Schmerzen bei Katzen anhand ihrer Gesichtsausdrücke einschätzen lassen.
Entwickelt wurde sie von Forschenden der Universität Montréal. Dafür fotografierten sie dieselben Katzen sowohl in schmerzfreien als auch in schmerzhaften Situationen. Anschließend wurden die Bilder mathematisch miteinander verglichen.
Das Ergebnis war eindeutig: Hat eine Katze Schmerzen, verändert sich ihre gesamte Gesichtsmuskulatur. Die Gesichtszüge wirken angespannter und die Abstände zwischen einzelnen Gesichtsmerkmalen verändern sich. Genau diese Veränderungen bilden die Grundlage der Feline Grimace Scale.
Sie ist heute ein wertvolles Hilfsmittel, um Schmerzen bei Katzen objektiver einzuschätzen – sowohl in Tierarztpraxen als auch zu Hause.
Schmerzen bei Katzen erkennen – So wendest du die Feline Grimace Scale an
Die Anwendung ist einfacher, als sie zunächst klingt.
Am hilfreichsten ist die kostenlose App oder das PDF der Feline Grimace Scale.
Dort findest du anschauliche Vergleichsbilder der verschiedenen Schmerzgrade. Diese erleichtern dir die Einschätzung enorm.
Bevor du mit der Bewertung beginnst, beobachte deine Katze etwa 30 Sekunden lang.
Achte darauf, dass sie entspannt liegt und gerade weder schläft noch frisst, sich putzt, miaut oder spielt. Nur in einer ruhigen Situation lässt sich ihre natürliche Mimik zuverlässig beurteilen.
Die fünf Merkmale des Schmerzgesichts der Katze
Die Feline Grimace Scale bewertet fünf sogenannte Aktionseinheiten (AE). Jede dieser Gesichtsregionen wird einzeln betrachtet.
Dazu gehören:
- die Stellung der Ohren
- die Öffnung der Augen
- die Anspannung des Maulbereichs beziehungsweise der Oberlippen
- die Position der Schnurrhaare
- die Haltung des Kopfes im Verhältnis zu den Schultern
Jedes Merkmal erhält eine Punktzahl zwischen 0 und 2:
- 0 Punkte: keine Veränderung – kein Hinweis auf Schmerzen
- 1 Punkt: leichte Veränderung – Hinweis auf leichte bis mittlere Schmerzen
- 2 Punkte: deutliche Veränderung – Hinweis auf mittelstarke bis starke Schmerzen
Insgesamt können maximal 10 Punkte erreicht werden.
Ab 4 Punkten empfiehlt die Feline Grimace Scale, eine tierärztliche Untersuchung in Betracht zu ziehen. Dort kann abgeklärt werden, ob Schmerzen die Ursache sind und ob eine Schmerztherapie sinnvoll ist.
Ist das Ergebnis zunächst nicht eindeutig, kann die Bewertung nach etwa 10 bis 15 Minuten wiederholt werden. Auch nach der Gabe eines Schmerzmittels eignet sich die Skala gut, um zu beobachten, ob sich der Gesichtsausdruck deiner Katze wieder entspannt.
Wie sieht ein schmerzfreies Katzengesicht aus?
Wer Veränderungen erkennen möchte, sollte zunächst wissen, wie eine entspannte Katze aussieht.
Fühlt sich deine Katze wohl, stehen ihre Ohren aufrecht und zeigen nach vorne. Die Augen sind geöffnet und wirken aufmerksam. Der Maulbereich ist locker, wodurch die kleinen "Bäckchen" gut sichtbar sind. Die Schnurrhaare hängen entspannt leicht nach unten und der Kopf wird oberhalb der Schulterlinie getragen, sodass der Hals gut zu erkennen ist.
Dieses entspannte Gesamtbild ist die Grundlage für den Vergleich.
Woran erkennst du leichte Schmerzen bei deiner Katze?
Schon leichte Schmerzen führen häufig zu kleinen Veränderungen der Mimik.
Die Ohren drehen sich leicht nach außen. Die Augen erscheinen etwas schmaler als gewöhnlich und der Maulbereich wirkt leicht angespannt. Die Schnurrhaare liegen gerader an oder sind weniger geschwungen. Gleichzeitig sinkt der Kopf etwas ab und befindet sich ungefähr auf Höhe der Schulterlinie.
Diese Veränderungen sind oft sehr fein. Deshalb lohnt es sich, die eigene Katze regelmäßig in entspannten Momenten bewusst anzuschauen. So fällt dir später schneller auf, wenn etwas anders aussieht.
Das Schmerzgesicht bei stärkeren Schmerzen
Bei mittelstarken bis starken Schmerzen wird die Mimik deutlich auffälliger.
Die Ohren liegen flach an und drehen sich nach außen. Die Augen sind zusammengekniffen, der Maulbereich wirkt deutlich angespannt. Die Schnurrhaare zeigen gerade nach vorne oder stehen steif vom Gesicht ab.
Auch die Kopfhaltung verändert sich. Der Kopf wird unterhalb der Schulterlinie getragen und zeigt häufig nach unten.
Je stärker diese Veränderungen ausgeprägt sind, desto wahrscheinlicher ist es, dass deine Katze unter Schmerzen leidet.
Vertraue deiner Beobachtung
Die Feline Grimace Scale ist eine wunderbare Unterstützung. Sie hilft dabei, die oft sehr feinen Veränderungen im Gesicht einer Katze bewusst wahrzunehmen und objektiver einzuschätzen.
Mindestens genauso wertvoll bist aber du.
Du kennst deine Katze wie kein anderer Mensch. Du weißt, wie sie schaut, wenn sie entspannt ist. Du bemerkst, wenn sie plötzlich anders wirkt, obwohl sie vielleicht noch frisst oder schnurrt.
Vertraue deshalb ruhig deinem Gefühl. Wenn dir etwas ungewöhnlich vorkommt, lohnt es sich immer, genauer hinzusehen oder deine Katze tierärztlich untersuchen zu lassen.
Welche Erkrankungen können ein Schmerzgesicht bei Katzen verursachen?
Ein veränderter Gesichtsausdruck kann viele Ursachen haben. Häufig steckt eine schmerzhafte Erkrankung dahinter, die auf den ersten Blick gar nicht offensichtlich ist.
Zu den häufigsten Auslösern gehören:
- Arthrose: Viele Katzen leiden im Alter unter Gelenkverschleiß. Da sie ihre Schmerzen oft geschickt verbergen, fällt zunächst häufig nur eine veränderte Mimik auf.
- Zahnerkrankungen: Entzündungen des Zahnfleisches, FORL oder lockere Zähne verursachen starke Schmerzen. Betroffene Katzen fressen oft langsamer, bevorzugen weiches Futter oder lassen Futterstücke wieder fallen.
- Blasenentzündungen oder Harnwegserkrankungen: Schmerzen beim Wasserlassen können sich ebenfalls im Gesichtsausdruck widerspiegeln – häufig begleitet von häufigen Toilettengängen oder Unsauberkeit.
- Verletzungen: Bisswunden, Verstauchungen, Prellungen oder Knochenbrüche führen häufig zu einem deutlich ausgeprägten Schmerzgesicht.
- Erkrankungen des Bauchraums: Magen-Darm-Erkrankungen, Bauchspeicheldrüsenentzündungen oder andere schmerzhafte Veränderungen im Bauchraum können ebenfalls die Mimik deiner Katze verändern.
- Schmerzen nach Operationen: Auch nach einem chirurgischen Eingriff hilft die Feline Grimace Scale dabei, Schmerzen einzuschätzen und den Heilungsverlauf zu beobachten.
Wichtig zu wissen ist: Das Schmerzgesicht verrät dir zwar, dass deine Katze vermutlich Schmerzen hat – es zeigt dir jedoch nicht warum. Die Ursache kann nur durch eine gründliche tierärztliche Untersuchung festgestellt werden.
Deshalb gilt: Zeigt deine Katze über einen längeren Zeitraum ein auffälliges Schmerzgesicht oder erreicht sie in der Feline Grimace Scale einen Wert von vier oder mehr Punkten, solltest du sie zeitnah in einer Tierarztpraxis vorstellen. Je früher Schmerzen erkannt und behandelt werden, desto besser sind die Chancen, dass deine Katze schnell wieder zu ihrem gewohnten Wohlbefinden zurückfindet.
Denn Schmerzen frühzeitig zu erkennen, bedeutet nicht nur, Leiden zu verhindern. Es schenkt deiner Katze vor allem eines: die Chance, schneller wieder unbeschwert Katze sein zu dürfen.
Wichtiger Hinweis: Die Feline Grimace Scale ersetzt keine tierärztliche Diagnose. Sie ist ein hilfreiches Instrument, um Schmerzen besser einzuschätzen und Veränderungen frühzeitig wahrzunehmen.